oktober

OKTOBER

Einführung für die Ausstellung Oktober, Barbara Koch / Dirk Pleyer vom 28. Oktober bis 25. November 2007 Orangerie am Schloss Rheda und Werkstatt Bleichhäuschen
 
Alle Künstler, die ich bislang für eine Ausstellung in der Orangerie eingeladen habe, haben den Raum unter anderen Aspekten und Schwerpunkten gesehen, interpretiert und hiernach mit ihrer Kunst geformt. Die Mehrzahl hat sich bislang mit den formalen Aspekten des Raumes beschäftigt: mit der Architektur, dem Licht und seiner Wirkung, den Proportionen oder dem Rhythmus. Dies sind Aspekte, welche die beiden Künstler Barbara Koch und Dirk Pleyer keinesfalls außer Acht gelassen haben und dennoch haben sie ihren Fokus auf das Instrumentelle des Raumes gelegt. Die Fragen nach seiner Funktion, danach, wofür dieser Raum benutzt wird, steht in der Interpretation der beiden Künstler im Vordergrund. Die Orangerie wird heute in der Hauptsache als Ort für Feste und Feierlichkeiten vermarktet und vermietet. Hier finden Hochzeiten statt, Betriebsfeste, Clubfeiern, Bankette usw. Als Raum für Festivitäten ist die Orangerie von den beiden Künstlern aufgegriffen worden und hieraus haben sie begonnen, eine gedankliche Kette zu knüpfen, die den hier installierten Raum letztlich doch von seiner eigentlichen Funktion differenziert. Was beiden beim Begehen der Örtlichkeit direkt auffiel, war die knapp vier Meter hohe Empore, die den Eindruck erweckt, als würden von dort aus Ereignisse von hoher Wichtigkeit verkündet werden. Diese frontale Situation gibt der Installation die Leserichtung. Auch der Betrachter stellt sich, als Teil des Werks, mit der Vorderseite zur Empore und schaut in die Höhe.
 
Aber beginnen wir früher: Der Betrachter betritt den Raum durch die kleine Seitentür. Eine erste Irritation dürfte sich sehr schnell einstellen. Man stellt fest, dass hier etwas passiert, aber ob dieses sein wird, gewesen ist oder gegenwärtig ist und lediglich unterbrochen wurde, bleibt ungeklärt. Hier findet eine Feier statt oder es hat eine stattgefunden. Als wäre das Unsichere in der zeitlichen Setzung nicht verwirrend genug, lassen die Künstler auch den Anlass oder die Idee des Festes offen. Ist es wirklich eine Fest oder vielmehr eine Verkündung? Vielleicht auch eine politische Veranstaltung? Die Konterfeis der beiden historischen Figuren Lenin und Hindenburg auf den an der Balustrade heruntergelassenen Bannern lassen dieses erahnen, aber eben nicht wissen. Die Künstler evozieren mit diesen zu einer Installation zusammengefügten Fest-Accessoires eine spezifische Atmosphäre, die kaum greifbar, und deshalb wiederum sehr ergreifend ist.
 
Der Raum wirkt gespenstisch verlassen. Er suggeriert ein Dazwischen, ein Dasein zwischen den Zeiten und zwischen den Absichten. Diese Gegensätze wie Ernst und Freude, Vergehen, Werden und Sein werden vom Werk impliziert und es strahlt dadurch eine morbide, weil ungreifbare Stimmung aus. In der bildenden Kunst wird immer wieder der Kontrast, der Gegensatz zum Thema gemacht, weil dieses sich durch das Spannungsfeld zwischen den existierenden Antipoden schwer erschöpfen lässt. An dieser Stelle muss die Arbeit nicht weiter erläutert werden, hier soll sie lediglich wirken. Der Titel der Ausstellung entstand einerseits aus der Tatsache, dass die Ausstellung hier zufälligerweise im Monat Oktober startet und wie es der Zufall eben bestimmt, jährt sich die Oktoberrevolution von 1917 in diesem Jahr zum neunzigsten Mal. Zwei der Protagonisten dieses historischen Ereignisses werden deshalb zu einem Nebenthema. Dieses macht die oben beschriebene Frage nach dem Was und Warum noch elementarer. Die Künstler bedienen sich hier allegorischer Mittel und um diese in der spezifischen Raumsituation zu erklären, möchte ich ein paar Sätze formulieren, die einem kurzen historischen Abriss gleichkommen. Der überzeugte Monarchist Paul von Hindenburg und Oberbefehlshaber der 8. Armee an der Ostfront während des 1. Weltkriegs hatte Anteil daran, Lenin aus dem Exil nach Russland zurückzuschicken. Dieser politische Gegner konnte daraufhin zum Initiator der Oktoberrevolution werden. Durch die Revolution in Russland waren die russische Armee und damit die Ostfront geschwächt. Auch wenn nicht nachweisbar ist, dass Hindenburg dies alles vorausgesehen hat, so hatte das Deutsche Reich während des Kriegs seine Vorteile daraus. Man kann also davon ausgehen, dass hier zwei politische Gegner eine Allianz gebildet hatten, über die jeder von beiden seinem Ziel näher kam, obwohl jeder auch gleichzeitig dem Feind diente.
 
Hinsichtlich dieser kurzen, opportunistisch geprägten Zusammenkunft – persönlich begegnet sind sich die beiden Männer tatsächlich nie – kann man die Banner und das dazugehörige feierliche Ambiente mit einer Art Vermählung in Verbindung bringen. In phosphorisierenden Farben sind die beiden Köpfe auf den Stoff gemalt, sie leuchten in der Dunkelheit noch eine Zeit nach – wie Geister der Geschichte flackern sie nach dem eigentlichen Ableben immer wieder auf. Es geht hier nicht um ein politisches Statement, eigentlich können diese beiden Persönlichkeiten allegorisch für Zusammenkünfte, Vereinbarungen jeder Art gelesen werden. Dafür, dass Allianzen oder Koalitionen entstehen, von denen beide Parteien Vorteile bekommen, auch wenn diese Parteien gar nicht unbedingt zusammengehören bzw. tatsächliche Gegensätze verkörpern.
 
Die ganze Installation ist in weiß gehalten. Die Farbe gibt dem Ganzen die Neutralität und unterstreicht noch einmal das Dazwischen, das Vielleicht und noch zu Bestimmende. Wir wissen nicht, was hier genau passiert und die Farbe, die ja meist eine Richtung vorgibt, soll es in keinem Fall verraten. Weiß als Ausdrucksmittel gibt dem Betrachter einen großen Assoziationsspielraum. Die Farbe legt sich nicht fest. Trotzdem ist sie sehr symbolbehaftet. Außerdem ist es die Farbe der Reichen gewesen, weil das Bleichen der Wäsche doch ein recht aufwendiges Unterfangen war. Hier tritt sie wieder mit der erhabenen Räumlichkeit Orangerie am Schloss in Verbindung. Sie ist auch, um noch einmal am historischen Aspekt der Arbeit anzuknüpfen, die Farbe des Terrors in der russischen Revolution, der antikommunistisch und antisemitisch geprägt war. Neben diesem komplexen konzeptuellen Geflecht haben die beiden Künstler das Ästhetische nicht außer Acht gelassen. Das Rechteck innerhalb der Säulen lässt nicht nur Assoziationen mit festlichen Momenten zu, sondern ist auch als eigenständiges, ästhetisches Bild zu betrachten. Freiwillig lässt sich der Betrachter darauf ein, auf triviale, billig hergestellte Materialien zu gucken, die völlig willkürlich komponiert scheinen. Sieht man eben dieses Rechteck als Gemälde, fühlt man sich an ein pollockartiges All-Over erinnert. Das Konfetti, die Luftschlangen und Fahnen ziehen sich wie ein nervöser Pinselstrich und geträufelte Farbe über den Malgrund. Das Ganze ist auch als Malerei im Raum zu lesen und verlässt an dieser Stelle die Gattung Konzeptkunst. Betrachtet man die Installation unter diesem Aspekt, ist Weiß als verwendete Farbe die, welche sich am stärksten mit der Umgebung in einen Dialog begibt. Je nach Lichteinfall, hier in der Orangerie kein unwichtiges Element, wirkt die Farbigkeit verfremdet, anders und erzielt eine sich ständig wandelnde Atmosphäre. Weiß als Farbe der Unschuld, Farbe der Hochzeit, Farbe der Reichen, Farbe der Reinheit, Farbe der Trauer, Farbe der Taufe, der Kommunion – wir können unendlich viele Interpretationen anhand dieses Bildelements beginnen und das genau macht es dem Betrachter möglich, selbst zu bestimmen, was oder welche gefeierte oder zu feiernde Absicht er hier nun eigentlich sehen möchte.
 
Die Installation findet in der Werkstatt Bleichhäuschen noch eine Ergänzung: Phosphoreszierende, in Silikon gegossene Bärte (die von Lenin und Hindenburg) hängen, vom Kontext des Kopfes gelöst, als Objekte an der Wand. In der Dunkelheit leuchten sie uns an. Es wirkt wie ein Aufflackern der Charaktere dieser beiden historischen Persönlichkeiten. Darüber hinaus gibt es ein Video. Wir sehen in den Himmel und vor unseren Augen wird eine weiße Fahne geschwenkt, ein Element, welches in der großen Installation immer wieder auftaucht. Diese geschwenkte Fahne wirkt irgendwie hilflos, klein und bemüht, aber auch energiegeladen, konsequent und beharrlich.
 
Zur Installation Oktober