rede frau dr. kolossa

Rede zur Ausstellungseröffnung von Barbara Koch und Gisoo Kim

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Frau Koch, liebe Frau Kim.                                           Auch ich möchte Sie herzlich zur Ausstellugseröffnung mit Arbeiten von Barbara Koch und Gisoo Kim begrüßen. Zwei künstlerische Positionen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken, aber bei näherer Betrachtung gar nicht so weit von einander entfernt sind. Idealerweise werden beim Betrachten von Kunst alle Sinne gleichermaßen angesprochen, so dass nicht nur das Sehen im Vordergrund steht. Beim Betrachten der Arbeiten von Barbara Koch drängt sich jedoch ein Sinn besonders stark auf, der Tastsinn. Denn der haptische Reiz, der von ihren Werken ausgeht, ist immens. Man möchte als Betrachter längst nicht nur sehen und schauen, sondern fühlen, tasten und greifen, um zu begreifen. Die primär visuellen Reize ihrer grell leuchtenden Bilder möchten auch auf haptischer Ebenen befriedigt werden. Einerseits sind es die amorphen Formen ihrer Objekte, die rund und anschmiegsam wirken, andererseits die verwendeten Materialien, die weich und vertraut erscheinen. Eine Kunst, die regelrecht zum Anfassen verführt. Was eigentlich ein großes Tabu innerhalb der Kunstbetrachtung ist, nämlich der direkte Kontakt mit den Werken, wird erfreulicherweise von der Künstlerin akzeptiert. Sie weiß um die große Versuchung, die von ihren Arbeiten ausgeht und erlaubt dem Betrachter, dieser nachzugeben und nachzugehen. Sie dürfen also auf Tuchfühlung gehen, um die Arbeiten wirklich zu begreifen.

Aber was gibt es zu entdecken? Experimentelles aus dem Labor. Mit diesen Worten könnte man die Serie der „Lab Sweets“ beschreiben, aus der hier ausgesuchte Arbeiten ausgestellt sind. Die Ausgangssituation und die verwendeten Materialien sind meist identisch. Silikon, kombiniert mit fluoreszierenden oder phosphoreszierenden Pigmenten, wird dabei auf die Leinwand gebracht. Interessanterweise nutzt Barbara Koch Leinwand als „Malgrund“ für ihre Arbeiten. Doch die Leinwand, der traditionelle Bildträger der Malerei, wird hier zweckentfremdet zur Petrischale, zum künstlerischen Nährboden ihrer Experimente. Trotz ähnlicher Ausgangsmaterialien entwickeln sich ihre Züchtungen immer anders, immer neu. Mal überlagern pilzartige Strukturen die Bildoberfläche, mal dichtes Geflecht oder korallenartige Formationen.

Ein Beispiel. Unzählige Trichter, dicht an dicht, prägen das Erscheinungsbild der Arbeit, die auf der Einladungskarte zu sehen ist. Man möchte diese Gebilde zuordnen können. Sind es Blüten oder doch eher Pilze, Korallen oder Synapsen? Die Frage bleibt unbeantwortet oder vielmehr dem Betrachter überlassen. Wichtiger als die Identifikation ist die Faszination für die Vielfältigkeit der Strukturen, die aus und mit dem Material Silikon entstehen können. Jedes Element wird einzelnd gefertigt, unterscheidet sich von den anderen. In der Summe ergibt sich ein abwechslungsreiches Miteinander, das den Eindruck eines lebendigen Organismus vermittelt. Die künstlerischen Experimente von Barbara Koch entwickeln sich an der Grenze zwischen Malerei und Objekt. Malerei deswegen, weil die Arbeiten nicht nur konsequent der Leinwand und dem Bildformat verhaftet bleiben, sondern auch auf der Grundlage einer intensiven Auseinandersetzung mit der Farbe basieren. Starke farbliche Kontraste prägen ihre Arbeiten genauso wie das Spiel mit Licht und Schatten. Doch die Werke fügen sich nicht in die Zweidimensionalität ein. Die oberflächigen Fühler, Tentakeln, Ausstülpungen oder Blasen ragen regelrecht in den Raum hinein, verlassen das klassische Bildformat.

Barbara Koch selbst bezeichnet ihre Arbeiten deshalb auch als BildObjekte. Die Wirkung ihrer bildhaften Objekt ist äußerst ambivalent. Einerseits ziehen die Materialien und Formen den Betrachter an und verführen, wie eingangs beschrieben, zur Kontaktaufnahme. Zudem kommen die „Lab sweets“ als süße Versuchungen daher in Form von bunten Farben, weichen Materialien und vertrauten Gegenständen wie Schläuche und Dichtungen. Andererseits irritieren die grellen Farben den Betrachter, signalisieren diese vielleicht mögliche Gefahren. In Zeiten von resistenten Bakterienstämmen und gentechnisch veränderten Produkten ist Vorsicht geboten. Der Zugang geschieht deshalb mit verhaltenem Respekt. Inhaltlich scheinen die Arbeiten einem seltsam vertraut. Die Formgebung erinnert teilweise an Präparate biologischen Ursprungs. Man meint stark vergrößerten Modellen von Darmwänden, Epidermis oder Rezeptoren gegenüber zu stehen. Es ist die Faszination für verborgene Prozesse und Formen der Natur, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind. Schnell wird jedoch klar, dass lediglich Assoziationen bedient werden. Zu extrem, zu überhöht sind Formen und Farben. Aber trotzdem bleibt ein Restzweifel, mit dem Künstlerin spielt, zwischen Faszination und Irritation.

Gegensätzlich, aber nicht gegenläufig präsentieren sich die Fotoarbeiten von Gisoo Kim. Die Annahme, dass die Fotografie die Wirklichkeit abbildet, ist spätestens mit dem Einsatz der digitalen Technik nicht mehr zutreffend. Die Formen der fotografischen Bearbeitung ist vielseitig, technisch perfekt und die jeweiligen Eingriffe sind kaum noch auszumachen. Gisoo Kim dagegen arbeitet ganz bewußt mit den Spuren, die ihr künstlerischer Eingriff auf der Bildoberfläche hinterläßt. Ihre Bildbearbeitung bleibt sichtbar und nachvollziehbar. Die Formen der Bearbeitung sind dabei jedoch sehr unterschiedlich und vielschichtig. Zum einen überziehen zarte Linien die Bilder, die mal mehr, mal weniger zeichnerisch zu lesen sind. Rein grafisch sind die Linien auf einigen ihrer Arbeiten, die sich streng horizontal oder vertikal über die Bilder legen. Dicht an dicht ausgeführt, bilden sie stellenweise eine dichte Struktur, die sich wie eine Art Vorhang über das Bildmotiv legen.

Eine Arbeit zeigt Jugendliche, die auf Bänken unter Bäumen sitzen oder stehen. Die Sonne scheint und man erhält den Eindruck eines südlichen Flairs. Weiße und gelbe Linie ziehen sich streng parallel, aber in unregelmäßigen Abständen über das Bild. Der Betrachter schaut wie durch eine Art Jalousie auf das Geschehen. Diese Verschleierung wird teilweise noch dadurch verstärkt, dass das zugrunde liegende Bildmotiv zudem unscharf ist. Die gesamte Szene scheint noch mehr entrückt vom eigentlichen Ausgangsmotiv, fast irreal. Neben den rein grafischen gibt es aber auch eher zeichnerische Elemente, die der fotografischen Grundlage zugefügt wurden. Mal sind es vereinzelte Figuren, fliegende Objekte oder Landschaftsmotive. Die knüpfen entweder an bestehende Motive an oder entstehen neu.

Zum Beispiel die Landschaft im Schnee, die Sie von der Einladungskarte her bereits kennen. Die ins Bild ragenden Äste werden aufgegriffen und weitergeführt, entwickeln sich zu Bäumen, Bergen oder Steinen. Die vorgenommene Beschreibung der künstlerischen Eingriffe erhält jedoch eine völlig andere Sichtweise, sobald man sich den Arbeiten nähert. Denn das Entscheidende der Arbeiten von Gisoo Kim ist, dass diese Linien sich bei näherer Betrachtung als Nähte entpuppen. Keine Malerei, keine Gravur, sondern genäht Linien, die mal mit schwarzem, mal mit bunten Nähgarn ausgeführt worden sind. Zudem sind diese Nähte alle per Hand ausgeführt, von der Künstlerin selbst. Keine Nähmaschine oder sonstige Hilfsmittel liegen den Arbeiten zugrunde. Im Gegensatz zur digitalen Bildbearbeitung sind diese Spuren offensichtlich, additiv und erhaben. Auch hier ist es reizvoll sich vorzustellen, wie sich die Oberflächen wohl anfühlen mag.

Generell sind Nähte von Hand in unserem Alltag eher selten anzutreffen. Wenn nicht im häuslichen Umfeld selbst angewandt, um kleinere Nähte, Köpfe oder Säume zu reparieren, sind sie entweder in professionellen Schneiderateliers zu finden oder im Bereich der Medizin. Eine Naht bedeutet immer, das etwas vorher getrenntes wieder zusammengefügt wird, oder etwas völlig Neues wird miteinander verbunden, entweder Reparatur oder Entstehung. Gisoo Kim schafft Neues. Ihr Ausgangsmaterial sind Fotografien unterschiedlichen Formats, die die Künstlerin selbst aufgenommen hat. Das können Bilder aus dem privaten Bereich sein oder Urlaubsfotos. Die Herkunft spielt keine Rolle.

Wesentlicher ist, dass Gisoo Kim Fotos unterschiedlicher Gattungen zunächst zu Collagen zusammenfügt und anschließend vernäht. Landschaften und urbane Strukturen, reale Personen oder Figuren aus der Mythologie. Sie löst die Fotografien aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und fügt sie zu neuen Landschaften und Räumen zusammen. Die Brüche können versteckt sein, wie in Felsformationen, oder aber offensichtlich. Für alle Arbeiten gilt, dass sie neue räumliche Situationen schafft, die so nie existieren würden. Sie näht sich quasi eine zweite Wirklichkeit.

Gisoo Kim verbindet mit ihren Collagen ungewöhnliche Materialien: Fotopapier und Garn. Zwei Materialien, die unter normalen Umständen nicht miteinander in Berührung kommen würden. Das Papier ist steif und nur begrenzt biegsam, und die Verwendung von Garn assoziiert man eher mit fließenden Materialien, wie Stoffen oder Wolle. Aber gerade in dieser konsequenten, auf Dauer angelegten Verbindung liegt der Reiz der Arbeiten. Die Gegenüberstellung der beiden künstlerischen Positionen von Barbara Koch und Gisoo Kim innerhalb dieser Ausstellung spannt einen interessanten Bogen. Die Arbeiten Barabra Kochs sind visuell starke Setzungen, die raumgreifend sind. Optisch leiser dagegen die zarten Fotoarbeiten, die raumvertiefend durch die Betrachtung werden. Jeder Künstler ist ein Erbauer neuer Welten und bietet neue Sichtweisen auf unsere Alltagswelt.

Die Welten von Barbara Koch und Gisoo Kim ergründen, beide auf ihre Weise, den Bereich hinter der sichtbaren Welt. Sie suchen nach Formen, Strukturen und Möglichkeiten hinter dem, was wir mit Realität bezeichnen. Sie erweitern durch ihr Gespür für das wortwörtlich Wunderbare unsere Vorstellung von einer durch und durch erklärbaren Welt. Sie schaffen neue Räume und Denkansätze. Sie machen neugierig. Meine Damen und Herren, lassen sie sich verführen und entführen an andere Orte, tauchen Sie ein in die Welten von Barbara Koch und Gisoo Kim!

Herzlichen Dank!

Alexandra Kolossa, Oktober 2011