süsses gift

Süsses Gift

Text aus gleichnamigen Katalog von Peter Schmieder
 
Wenn sich das Augenmerk in diesem Katalog vornehmlich auf die seit 2004 entstandenen Arbeiten von Barbara Koch richtet, so ist es dennoch sinnvoll, einen Blick auf die davor liegende Zeit zu werfen, um Unterschiede und Vergleichbarkeiten, aber auch Einflüsse und Entwicklungen benennen zu können.
 
Vor 2004 ist Barbara Koch sehr stark im Bereich der Malerei tätig; selbst dort, wo sie bereits installativ vorgeht oder experimentiert, bleibt sie immer der Malerei und hier besonders einer experimentellen Malerei verbunden, damit einem Bildbegriff, der sich auf der Materialität gründet und das Verhalten des Materials im Bilde ins Zentrum der Untersuchungen stellt. Eine Werkgruppe, die diese intensive Auseinandersetzung mit dem Material thematisiert, ist beispielsweise Die Farbe Rot von 1999.
 
Dort entfaltet sich die ganze Fähigkeit zur Durchdringung von Farbe und Bedeutung, wie sie für die Arbeiten von Barbara Koch kennzeichnend ist. Aber auch die Serie der Gums and Liquids, mit denen sie ab 2000 von sich reden macht, lässt das Material zu sich kommen, indem ihm durch experimentelle Eingriffe auf die Sprünge geholfen wird. Auffällig ist der zunehmende Einsatz von alltäglichen Mitteln und der Einbezug alltäglicher Materialien in die so entstehenden Arbeiten.
 
Und gleichzeitig ist sukzessive zunehmend der Einsatz von Silikon zu verzeichnen. Ein Material, das durch seine hautwarme Taktilität und die samten schmeichelnde Textur immer in direkter Konnotation zu Lebewesen und Beseeltem gelesen werden muss. Die zusätzliche Eigenschaft dieses Materials, als abgeformte Hülle auch leblosem Modell ein eigenes Leben abzuringen, darf als weiteres Motiv angenommen werden, welches die Künstlerin zu ihrer Verwendung von Silikon bringt.
 
Darüber hinaus muss auch die Flexibilität des Materials im Wort – wie im übertragenen Sinne als wesentliche Eigenschaft der Arbeiten genannt werden, die ab 2004 unter dem Obertitel Lab Sweets entstehen. Der Serientitel als solcher ist bereits ein Hinweis auf die süße Versuchung, die den scheinbar dem Labor entsprungenen Schöpfungen innewohnt. Auf der Grenze zwischen Versuchung und Vergiftung balancieren die Objektbilder, die der Natur entnommene Formen verwenden, allerdings nur, um sie sogleich zu übersteigern und zu überbieten. Die Farbigkeit sticht ins Auge, es werden phosphoreszierende oder fluoreszierende Pigmente eingesetzt und einer Formoberfläche eingeschrieben, die häufig biomorphe Strukturen assoziieren lässt. Aber auch überformte Phantasielandschaften oder geheimnisvoll vergrößerte Details aus biologischen Zellstrukturen lassen sich in den Arbeiten dieser Serien sehen.
 
Die Oberflächenstruktur bedient sich in klassischer Manier eigener künstlerischer Modellierungen oder, auf der anderen Seite, der Realität entnommenen Gegenständen wie zum Beispiel Dichtungen, Schläuche aus der Silikonindustrie, Tabletten oder Unterwäsche.
 
Die Installationen schließlich, die neben den plastischen, den Bildraum und Bildumriss sprengenden Arbeiten der Serie Lab Sweets entstehen, sind von der Verwendung all der Techniken und Materialien, wie sie bereits erwähnt wurden, durchdrungen und um das Element der Inszenierung, der Bildung von anatomie-analogen Gruppen und Figuren und Figurengruppen ergänzt.
 
Im Laufe der Zeit, denn es entstehen über mehrere Jahre hinweg weitere Versionen dieser Warteraum genannten Werkgruppe, gesellen sich jenseitsbezogene Arrangements in die Szenerie. War zunächst noch von schutzbedürftigen Wesen, die drall umherliegen und der Fürsorge harren auszugehen, so sind es unschuldig-weiße und dennoch bereits verletzte Figuren, die die späteren Versionen von Warteraum prägen: Hier hängen luftig weiße Gebilde, die schon ätherisch-wolkig wirken, noch an Schläuchen, die sie als letzte Versorgung an unsere Realität zurückbinden. Dass diese Realität durchaus als krankhaft schillernd empfunden werden kann, versteht sich beim Anblick der Siechenden von selbst. Hoffnung und Empathie müssen in dieser Szenerie dem Ambiente mühsam abgerungen werden.
 
In der jüngsten dieser Installationen hat Barbara Koch mit einer theatralischen Bereicherung gearbeitet: Ein Fernsehsessel, eine Lampe und ein Monitor auf einem Tischchen fügen sich zu einem nur scheinbar privaten Umraum. Auf dem Bildschirm läuft ein Video, das die Künstlerin dabei zeigt, wie sie eine Kammer voller Kleidung ausräumt und diese Bekleidung in blaue Müllsäcke stopft. Es ist dies eine Erfahrung, wie sie vielen aufgegeben ist, die ihre Eltern oder Verwandten verantwortlich auf den letzten Metern eines gelebten Lebens begleiten. Die Künstlerin nimmt diese sehr persönlichen Erfahrungen zum Anlass, sie in eine allgemeingültige Form zu transponieren und im Ausstellungsraum als anrührende und nachvollziehbare Erlebnisse ausstellbar und nachvollziehbar zu machen.
 
Dass dabei dann auch quasi schwebende Bilder, seien sie nun auf transparenten Untergründen oder als Vorhänge ausgeformt, die ausschließlich auf dem Material Tabletten aufbauen, Eingang in diese Installationen finden, kann da längst nicht mehr verwundern. Dabei setzt Barbara Koch einerseits auf die Farbigkeit der Pillen und Tabletten als malerische Komponente und andererseits auf die dem Betrachter unmittelbar zugängliche und erschließbare Deutung als Heilmittel. Die Vorhänge aus Tabletten hingegen changieren zwischen dieser medikamentösen Bedeutung und einer Anmutung als lebensgrundlegender DNA-Struktur. Im Unterschied zu den Arbeiten von Damien Hirst, in denen das Apothekenmaterial als reine Oberfläche begriffen ist und auch als solche belassen wird, ist in der Arbeit von Barbara Koch auf die pharmazeutische heilende Bedeutung abgestellt. Damit umgeht sie nicht etwa scheu die biografische Verarbeitung, sondern setzt diese mutig als zusätzliches bedeutendes Mittel ein. Das gilt gleichermaßen für das Video, in welchem die immer erneuten Räumvorgänge Züge einer Sisyphos-Arbeit annehmen, die jedem – und nicht nur dem Sagenheld – aufgegeben ist.
 
Wenn Barbara Kochs Arbeiten in den vergangenen Jahren an Schärfe und Relevanz noch gewonnen haben, so liegt dies sicherlich an den zusätzlich erschlossenen Materialien als solchen. Damit verbunden ist immer auch eine im Material enthaltene Deutungsmöglichkeit und eine aus ihm erwachsende Expressivität, die als wichtige Weiterentwicklung genannt werden müssen.
 
Denn auf der experimentell-malerischen Ebene zu bestehen, so virtuos sie auch immer beherrscht wird, wäre als Stillstand letztlich nicht genug gewesen. Man darf daher dankbar für diese Erweiterung des künstlerischen Spektrums sein. Die raumgreifende Art, in der diese Werke von Barbara Koch die Entfremdung und Vergiftung der sozialen und natürlichen Umwelt als potentielle Vergiftung unseres Sehens thematisieren und ins Bild setzen, lässt den Betrachter schaudern, zurückweichen, es lässt ihn in der Faszination des Bedrohlichen womöglich sogar aufgehen, eines aber wird nicht passieren: dass er von Barbara Kochs Arbeiten als Rezipient unberührt bleibt.