sweet poison

Rede von Winfried Stürzl zur Eröffnung der Ausstellung „Sweet Poison“ von
Barbara Koch im Kunstverein Eislingen am 7. November 2014

Liebe Gäste,

leuchtend grüne trompetenartige Auswüchse, die einem weißlichen Untergrund zu entstammen scheinen, eine Zusammenballung von Kugelformen in diversen Blautönen oder tiefrote amorphe Strukturen mit pinkfarbenen Höhungen, die unterschiedlich große Hohlräume umschließen: Die Arbeiten der in Dortmund lebenden Künstlerin Barbara Koch entführen den Betrachter in eine befremdliche Welt.

Schnell stellen sich bei einem ersten Hinsehen Assoziationen aus dem Bereich der Biologie und der Mikrobiologie ein: Man denkt an stark vergrößerte, durch einen Skalpellschnitt sichtbar gemachte Zellstrukturen, an Gewebebilder aus dem Elektronenmikroskop, an Pilze oder Mose. Man trifft auf korallenartige Wucherungen, auf Tentakel-Auswüchse und Blasen oder auf Zotten, wie man sie etwa aus dem Magen- und Darmbereich kennt. Kurz: Man fühlt sich an wissenschaftliche Visualisierungen aus dem Bereich des menschlichen, tierischen und manchmal auch pflanzlichen Körpers erinnert.

Allerdings sind die biologischen Strukturen, die man sonst meist von Fotografien her kennt, bei Barbara Koch ins Dreidimensionale übertragen. Es gibt Hohlräume und organoide Formen, die Lebendigkeit suggerieren, was den Gebilden ihre starke Präsenz verleiht. Und doch erscheinen die Objekte verfremdet. Ihre intensive, fast schrille und doch klare Farbigkeit kennzeichnet sie eindeutig als künstliche Schöpfungen und verleiht ihnen einen hohen verführerischen Reiz.

Ich muss zugeben, dass ich bei einigen Objekten an „Saure Pilze“ aus Zuckerschaum denken musste, die ich als Kind sehr gerne verspeist habe – und das manchmal sogar immer noch gern tue, obwohl mich dann untergründig immer das schlechte Gewissen plagt, weil mir natürlich klar ist, dass das meiner Gesundheit nicht unbedingt förderlich ist.

Aber ähnlich wie bei diesen Erfahrungen – nur durch die intensive Farbigkeit um ein Vielfaches verstärkt – erscheinen die Objekte von Barbara Koch nicht nur verführerisch, sondern auch „giftig“ – fast so, als sei ihnen, in einem gentechnischen Labor etwas widerfahren, was sie für uns gefährlich macht. LAB SWEETS nennt die Künstlerin denn ihre Wandarbeiten auch – Süßigkeiten aus dem Labor – und verweist damit auf die nicht weniger verführerische Qualität der technischen Möglichkeiten unserer Zeit zur Manipulation des Lebens. Und auf die ernsthafte Gefahr, die darin besteht, dass wir die Konsequenzen unseres Handelns in diesem Bereich gar nicht abschätzen können.

ABSTRAKTIONEN

Aber auch auf einer ganz anderen Ebene lassen sich die Arbeiten von Barbara Koch lesen. Sieht man nämlich einmal von den biologisch-technischen Konnotationen ab und betrachtet die Objekte unter formalen Gesichtspunkten, so wird deutlich, dass man es hier mit Kompositionen zu tun hat, die letztlich auf malerischen Prinzipien gründen. Einige der Arbeiten nutzen sogar Leinwand als Untergrund. Und auch das gewohnte, rechteckige Bildformat wird in weiten Teilen durchgehalten.

Im Falle der Arbeit mit den hellgrünen Blüten, deren Form an Herbstzeitlose erinnert – oder auch bei der Wandarbeit mit den aus dem Bildgrund wachsenden pinkfarbenen Schläuchen – ist der Untergrund selbst malerisch behandelt: Eine rasterartige Grundstruktur gliedert dabei die sich wie zufällig auf der Bildfläche ausbreitende Farbe. Und auch die Anordnung der Auswüchse – seien es die als Farbflecken erscheinenden blumenartigen Gebilde oder die Streifen der Schläuche – sind zugleich kompositorische Elemente in einem konkreten oder stark abstrahierten Bild. Mit dem Unterschied, dass es sich nicht – wie traditionellerweise in der Malerei üblich – in der Fläche entwickelt, sondern ins Räumliche ausgreift.

Tatsächlich kommt Barbara Koch ursprünglich selbst aus der Malerei. Daher entstehen ihre Arbeiten – trotz ihres konzeptuellen Gehalts – auch heute noch in einem experimentell-malerischen Prozess. Doch arbeitet sie nun fast durchgängig mit dem Material Silikon, das sie meist mit fluoreszierenden oder phosphoreszierenden Pigmenten anreichert. Dies verlangsamt das künstlerische Vorgehen insofern, als jedes einzelne Element erst einmal durch Abnahme an einem vorgeformten oder vorgefundenen Objekt in eine bestimmte Gestalt gebracht werden muss, bevor es ins Bild eingearbeitet werden kann.

VORGERFERTIGE MATERIALIEN IM BILD

Immer wieder greift Barbara Koch in diesen Prozessen auch auf vorgefundenes Silikonmaterial wie Dichtungen oder Schläuche zurück, die sie – quasi wie kleine Readymades – ins Bildobjekt einarbeitet. Deren Formen prägen die Struktur der jeweiligen Arbeit dann stark mit – besonders schön sichtbar etwa an der recht knapp unter der Decke positionierten schwarz-roten Arbeit, bei der sich durch die serielle Reihung verschiedener Hohlformen und Dichtungsringe eine Struktur ergibt, die an die Saugnäpfe und den Körper eines tintenfischartigen Meeresbewohners erinnert.

Wenn der Betrachter sich dem Bildobjekt nähert, werden die eingearbeiteten Fertigelemente aber auch als solche erkennbar. Dank ihrer technoiden Form scheinen sie dann nach wie vor eine Funktion zu haben und wecken den Verdacht, man könnte es hier auch mit einer biotechnischen Konstruktion zu tun haben. Und so changieren die Bedeutungsebenen der Arbeit – je nach Standpunkt und Sehweise des Betrachters – zwischen einer abstrakten Komposition, den Andeutungen eines Lebewesens oder einer Art Mischform aus Organismus und technischer Apparatur wie man sie etwa aus Science-Fiction-Filmen kennt.

Besonders in jüngerer Zeit haben die Bildobjekte aus Silikon von Barbara Koch die Wand zum Teil auch verlassen und bevölkern als SMALL BEASTS – zu Deutsch: „Kleine Bestien“ – den Ausstellungsraum. Etwa als organoide Objekte mit Noppen oder Ausstülpungen oder in einem Fall auch als eine Art „Pudding“, der, wie man dank einer Körperöffnung vermutet, nicht nur lebendig, sondern auch recht unangenehm werden könnte. Die rosafarbenen zylinderförmigen Objekte unterschiedlicher Größe – hier im ersten Nebenraum – haben den rechteckigen Bildgrund ebenfalls verlassen und bevölkern nun in kleinen Gruppen den gesamten Raum – fast, als sei er von einer Art Pilz- oder Bakterienkultur befallen.

WARTERÄUME

Eine Arbeit hier im großen Raum fällt – im Vergleich zu den sie umgebenden Bildobjekten – allerdings aus dem Rahmen. Sie ist alles andere als schrill, sondern – im Gegenteil – zurückhaltend still und zugleich erschreckend: Ein großer weißer Kasten beherbergt sechs kleine figürliche Objekte, die mit Schläuchen verbunden sind und zu atmen scheinen. Sofort denkt man an Embryos. Sie haben nur Rumpf und Kopf. Sinnesorgane fehlen ebenso wie Arme und Beine. Offenbar sind sie abhängig von einer technischen Versorgung. Trotz ihrer Monstrosität erscheinen sie vollkommen hilflos und fürsorgebedürftig.

Auch hier stellten sich möglicherweise wieder Assoziationen aus dem Bereich der Science-Fiction ein. Etwa an „Matrix“ , einem Film der Wachowski-Geschwister, in dem die Menschen in einer virtuellen Realität leben, während ihre Körper bewusstlos in Kokons stecken – versorgt nur durch Schläuche der alles beherrschenden Maschinen.

Barbara Koch nennt ihre installativen Objektanordnungen WARTERÄUME – für sie „Orte der Ruhe“ und der „Beunruhigung“ gleichermaßen. Auch die Installation, die die Künstlerin im Jahre 2005 als ersten WARTERAUM überhaupt realisierte – und der hier in Eislingen im zweiten Kabinett zu sehen ist –, entspricht dieser Definition.

Eine Vielzahl länglicher, organoider Objekte, die ein wenig an überdimensionierte Maden erinnern (ohne dabei unappetitlich zu erscheinen), bevölkern den Raum. Manche hocken am Boden, einige ruhen sich – teils übereinanderliegend – aus, andere scheinen den Ort zu erkunden. Eines von ihnen versucht offenbar, einen der Schläuche zu erhaschen, die aus weichen, quaderförmigen Elementen an der Wand kommen. Wird über sie die Nahrung verteilt? Man weiß es nicht. Fast scheint es allerdings, als handle es sich um Nabelschnüre, denn sowohl die Quader als auch die Schläuche haben dieselbe bräunliche und markante, von Einschlüssen, Warzen und Flecken geprägte Haut wie die Wesen selbst.

Wie auch die Embryos wirken die Latex-Gebilde hilflos. Ihre Herkunft bleibt im Unklaren. Die geometrische Form der Quader könnte auf eine technisierte Reproduktion hindeuten. Sollte es sich aber um Versorgungsterminals handeln, dann wäre zumindest die Betreuung automatisiert. Schutz und Fürsorge, die auch diese Wesen ganz offensichtlich benötigen, werden ihnen verwehrt. Stattdessen hocken sie in einem beengten Raum, ihre Existenz scheint reduziert auf das Sein an sich.

Auch wenn Barbara Koch hier einen deutlich stilleren Ton anschlägt als in ihren LAB SWEETS, geht es in den WARTERÄUMEN doch um ähnliche Themenfelder: Auch hier stellen sich Fragen nach dem Respekt vor dem Leben in einer technisierten und von mechanistischen Gesetzten gesteuerten Welt. Anstelle des Gifts, das sich in den LAB SWEETS manifestiert, liegt der Fokus hier aber auf dem Verlust der Empathie oder der Unerreichbarkeit menschlicher Zuwendung.

 INSTALLATION UM „CLOSE DISTANCE“

In der letzten Rauminstallation schließlich, die hier in Eislingen zu sehen ist – und die sich ganz hinten im vierten Kabinett befindet –, verbindet Barbara Koch Elemente sowohl aus den WARTERÄUMEN als auch aus den LAB SWEETS.

Im Zentrum steht ein Video. Man sieht darin die Künstlerin selbst, wie sie die Schubladen einer Kommode, dann einen Schrank und ein Regal ausräumt. Die zuvor ordentlich zusammengelegte Wäsche wird in einen blauen Sack gestopft, bis alles leer ist. Entstanden kurz nach dem Tod ihrer Eltern stellt das Video die Frage nach dem, was am Ende bleibt. Ein zeitgenössisches Vanitas-Bild, das die Frage nach der Vergänglichkeit allen Seins ebenso thematisiert wie die Auseinandersetzung der jeweils Verbliebenen mit dem angesammelten Besitz der Verstorbenen. Im Titel der Arbeit – CLOSE DISTANCE (Nahe Ferne) – spiegelt sich das Paradox, dass die Dinge eines ehemals nahestehenden Menschen einem fremd erscheinen, wenn man mit ihnen plötzlich allein ist.

Das Video wird ergänzt von anthropomorphen Objekten aus zusammengenähter Unterwäsche mit dem Titel BOTTOM FLOWERS (wobei „bottom“ sowohl für Boden als auch für Hintern stehen kann). Hilflos sitzen die meist an menschliche Körper erinnernden Figuren da. Teils alleine, teils in Gruppen – allerdings so ineinander verstrickt, dass sie sich nicht mehr alleine fortbewegen können. Sie sind einsam oder voneinander abhängig. Teilweise fehlen die Köpfe, so als wären nicht mehr alle bei vollem Bewusstsein. In ihrer Hilfsbedürftigkeit erinnern sie an die schon beschriebenen WARTERÄUME. Doch wird dank der Stoffe unmittelbar ein Bezug zu dem Video hergestellt, was die BOTTOM FLOWERS als Stellvertreter der alt gewordenen nächsten Verwandten erscheinen lässt.

Das dritte Element im Raum sind transparente quadratische Wandbilder, in denen weiße und bunte Flecken zu sehen sind. In ihrer teils fast ornamentalen Struktur könnten sie das Motiv von Blumenbildern aus der früheren Wohnung der Eltern aufgreifen. Doch wenn man sich den Bildern nähert, wird dank der Einkerbungen und aufgedruckten Zahlen deutlich: Es handelt sich bei den farbigen Flecken nicht um Pigmente, sondern um Tabletten. Ihre – durch die Ästhetisierung verstärkte – scheinbare Harmlosigkeit steht in starkem Kontrast zu der Wirkung, die die in manchen der Arzneimittel enthaltenen Gifte bis heute erzielen, indem sie sogar die sie umgebende Silikonschicht aufweichen.

Der Bezug dieser LAB SWEETS zu den BOTTOM FLOWERS liegt auf der Hand, wenn man weiß, dass die Künstlerin Hunderte dieser Tabletten im Nachlass ihrer Eltern fand. Ein kritischer Seitenhieb auf die Pharmaindustrie, die die unreflektierte Einnahme von Medikamenten – auch wenn es für vieles weitaus weniger schädliche Alternativen gäbe – fördert und somit zum Zustand, wie er in den BOTTOM FLOWERS verkörpert ist, beiträgt.

FAZIT

Diese zuletzt charakterisierte Installation von Barbara Koch kreist also ebenfalls um die Themenbereiche, die auch in den anderen Arbeiten eine Rolle spielen, und bindet sie unter einem Vanitas-Aspekt neu zusammen: Süße Versuchungen, die sich bei näherem Hinsehen als tödlich erweisen können, spielen darin ebenso eine Rolle wie der Respekt vor dem Leben und dem anderen Menschen, den es in einer technisierten und industrialisierten Welt zu bewahren gilt.

Doch auch wenn es existenzielle Fragen sind, die hier aufgeworfen werden: Die Arbeiten von Barbara Koch kommen nie mit „erhobenem Zeigefinger“ daher. In ihrer Ambivalenz sind die Bilder der Künstlerin stets offen: Scheinbar Monströses erweist sich zugleich als hilflos und liebesbedürftig, als krank oder giftig Gebrandmarktes findet seine Umsetzung in eine überzeugende und schöne Komposition. Es ist daher an jedem Besucher selbst, in eine ästhetische Betrachtungsbewegung einzusteigen, bei der die unterschiedlichen Bedeutungsebenen abgetastet und abgewogen werden, und auf diese Weise zu einem individuellen Urteil zu gelangen.

Vielen Dank

© Winfried Stürzl, 2014